Casey Newton: Platformer

Casey Newton verlässt The Verge und macht einen eigenen Substack-Newsletter. Wer ihn nicht kennt: Sein bisheriger Newsletter „The Interface“ war im Kontext Tech das, was man abgedroschen als „Leseverpflichtung“ bezeichnet. Genau deshalb bin ich verwundert, dass er „nur“ 20 000 Abonnenten hatte. Nicht falsch verstehen: Das ist eine Menge, aber für ein derart relevante, kostenlose Publikation, noch dazu in englischer Sprache… ich dachte, die Nische wäre größer.

Was natürlich nichts daran ändert, dass ich darauf hoffe, dass im Journalismus viele kleine Boote den langsamen Untergang der großen Tanker kompensieren. Und dass ich mit großer Sicherheit ein Abo abschließen werde. Ein ähnliches, älteres Projekt mit Schwerpunkt Social-Media-Plattformen ist das deutsche Social Media Watchblog, das ich Interessierten ans Herz lege. Und auch von mir wird drüben auf dieser Baustelle hier in den kommenden Wochen mehr passieren, allerdings vorerst nicht auf Monetarisierung ausgelegt.

Seeing Like an Algorithm von Eugene Wei

Eugene Wei mit einem weiteren TikTok-Essay. Ein bisschen banal erscheinen die Erkenntnisse schon: Wenn „Künstliche Intelligenz“ bedeutet, dass ein Computer sehen lernt, dann folgt TikTok als erstes (?) Netzwerk diesem Prinzip: Design für Datenfütterung, also ein geschlossenes Feedback-Loop, an dem die Software lernen kann. Demnach löst „algorithmen-freundliches Design“ das Prinzip von reibungslosem, „nutzerzentriertem“ Design ab. Damit wird auch die „Followerschaft“ sozialer Netzwerke von einem anderen Paradigma abgelöst: sofware-basierte Interessen.

Dass das banal klingt, heißt nicht, dass es falsch ist. Um seine These zu stützen, muss Wei allerdings herunterspielen, dass Tinder ähnlich funktioniert und die von ihm genannten Verhaltensinformationen auch in Formaten wie Instagram Stories vorhanden sind. Und dass schlicht jedes UX/UI-Design der datenverarbeitenden Industrie an Datenproduktion interessiert sein muss.

 

Swing and a Miss: "The Social Dilemma" Didn't Get It by Michael O. ChurchMichael O. Church ([object Object])
Failing to address the root causes of technological toxicity, the video essay amounts to no more than a missed opportunity.

Michael O. Church, hier bereits häufiger erwähnt, nimmt sich in der ersten Edition seine Substack-Newsletters (den ich hiermit empfehle) die Netflix-Doku „The Social Dilemma“ vor. Genauer: dessen unterkomplexe Darstellung, wie in der Tech-Branche Entscheidungen fallen und was Verantwortung bedeutet.

„Silicon Valley is not a bastion of cosmic evil. It is not Mordor or R’lyeh. Technology executives, in general, do not set out to damage the world for damage’s own sake. What we have is not cosmic evil, but the banal kind. The whole system runs on metrics: daily active users, clicks per hour, ads served, time of use, viral growth, et cetera. Each worker is enslaved to the short-term fluctuations of indicators over which he has limited control, and is usually pushed to do unethical things by the need to keep the numbers in line. Even software engineers are promoted, demoted, or fired based on the number of tickets they close. Senior product managers live or die based on whether they can get users to spend five more seconds within walled gardens. At the lower levels, no one’s trying to foster addiction or radicalization— they’re just trying to survive.“

Dass für Michael Church das Problem im „Konzern-Kapitalismus“ liegt, gehört zu seiner bekannten Haltung. Und so ist das ganze Essay eine Abrechnung mit unserer Gegenwart.

The Supreme Court and Normcore by an author

Sollten die US-Demokraten – im Falle eines Sieges von Biden und einer Übernahme des Senatsmehrheit – den Obersten Gerichtshof aufstocken? Henry Farrell von Crooked Timber argumentiert: Normen existieren nicht im Vakuum, sie müssen auch mit reziproken Maßnahmen gestützt werden.

What this means, pretty straightforwardly, is that norms don’t just rely on the willingness of the relevant actors to adhere to them. They also rely on the willingness of actors to violate them under the right circumstances. If one side violates, then the other side has to be prepared to punish. If one side threatens a violation, then the other side has to threaten in turn, to make it clear that deviating from the norm will be costly. A norm governing relations between two opposing sides, where one side acts strategically (to exploit opportunities) and the other naively (always to support the norm) can’t be sustained.

Von einem Gleichgewicht der Abschreckung kann in den USA nicht mehr die Rede sein, für die Demokraten gliche eine Aufstockung des Supreme Court dem Versuch, Gleichgewicht durch Schrecken zu schaffen.

Der angesehene Rechtskorrespondent Jeffrey Toobin hat im New Yorker einen Vier-Punkte-Plan formuliert, den die Demokraten im Falle des Gewinns von Kongress und Weißem Haus umsetzen könnten:
1. Filibuster im Senat abschaffen
2. Washington DC und Puerto Rico zu Bundesstaaten erklären
3. Per Gesetz die Zahl von Bundesrichtern an niedrigeren Gerichten erhöhen
4. Die Zahl der Obersten Richter um zwei bis drei aufstocken.

Corona-Stützungsmaßnahmen in den USA: Die Fed bezahlt dieser Quelle zufolge im Schnitt 107 Prozent für Firmen-Obliationen, übernimmt sie also über Wert (das Geld geht in der Regel an große Fonds, die damit ohne großes Zutun ihre Rendite steigern können). Zugleich weist Mark Blyth darauf hin, dass die US-Bundesregierung für ihre Not-Kredite an amerikanische Kommunen vier Prozent Zinsen verlangt. Was angesichts der gegenwärtigen Niedrigzinssituation absurd ist und die regionalen Schuldbürden erhöht.

Das ist wahrscheinlich recht unterkomplex dargestellt, scheint mir aber zu signalisieren, dass die Grundidee der gegenwärtigen amerikanischen Wirtschaftslogik auch in der Krise weiter funktioniert: Umverteilung von Vermögen und Lasten in eine problematische Richtung.

AI ethics groups are repeating one of society’s classic mistakes by an author ([object Object])
Too many councils and advisory boards still consist mostly of people based in Europe or the United States.

The newly formed Global AI Ethics Consortium, for example, has no founding members representing academic institutions or research centers from the Middle East, Africa, or Latin America.

(Hinter dem Hinweis verbirgt sich der Hinweis des Autorenduos, dass ihr Montreal AI Ethics Institute das anders macht).

„Die Utopie hat plötzlich das Lager gewechselt. Heute sind diejenigen Utopisten, die glauben, dass alles so weitergehen kann wie zuvor.“

Zitiert nach Pablo Servigne und Raphaël Stevens: Comment tout peut s’effondrer (2015) (via)

Siehe auch meine Defintion Kollapsologie:

Die interdisziplinäre „Forschung über den Zusammenbruch der thermo-industriellen Zivilisation“ (Wiki) hat ihren Schwerpunkt in Frankreich, ist aber aus der Romantik hergeleitet und in der Umwelt- und Klimabewegung anschlussfähig. Nachdem der Akzelerationismus (beschleunigt den Kapitalismus, bis er zusammenbricht) nach rechts gewandert ist, gibt es nun eine weitere Endzeit-Alternative. Ob es sich dabei um Forschung handelt („wird es Gated Communities geben, die sich dem Zusammenbruch entziehen?“) oder Religion (Sehnsucht nach der Tabula rasa), wird sich allerdings offenbar erst noch herausstellen.

Das Parlament als umstrittener Ort der deutschen Demokratiegeschichte by Claudia C. GatzkaClaudia C. Gatzka

Ein Mangel unserer Gegenwart ist das Fehlen von Kontext: Verhältnisse, Institutionen und Ideen wirken wie Monolithen, herausgerissen aus Zeit und Werdegang. Das gilt auch für den Bundestag. Claudia C. Gatzka reißt das Thema Parlamentarismus in Deutschland an, ohne sich nur an Weimar abzuarbeiten. Das Essay hätte von mir aus gerne länger sein können.

Oracle erhält den Zuschlag zu TikTok. Unter Vorbehalt. Eine Firma, die keine Erfahrung mit Social-Plattformen hat. Die nun ein entkerntes – sprich: ohne den bahnbrechenden Empfehlungsalgorithmus ausgestattetes – Produkt übernimmt. Also letztlich sicherlich ein Jahr braucht, um etwas halbwegs Funktionierendes hinzukriegen. Parallelen zur Murdoch-Übernahme von MySpace lassen sich nicht von der Hand weisen. Facebook freut es, mit Instagram Reels steht die Alternative bereits in den Startlöchern.

Liberal Conservatism by an author

Conservatism at its core, as Roger Scruton understands it, “tells us that we have collectively inherited good things that we must strive to keep”. It “starts from a sentiment that all mature people can readily share: the sentiment that good things are easily destroyed, but not easily created”. Our inheritance “brings with it not only the rights of ownership, but duties of trusteeship. Things fought for and died for should not be idly squandered. For they are the property of others, who are not yet born” (182).

Ein langes Essay, aber für die Ausarbeitung des modernen Konservatismus sehr hilfreich, auch wenn natürlich anglozentrisch.

Siehe auch:
Der diversifizierte Konservatismus (2013)