„Die Utopie hat plötzlich das Lager gewechselt. Heute sind diejenigen Utopisten, die glauben, dass alles so weitergehen kann wie zuvor.“

Zitiert nach Pablo Servigne und Raphaël Stevens: Comment tout peut s’effondrer (2015) (via)

Siehe auch meine Defintion Kollapsologie:

Die interdisziplinäre „Forschung über den Zusammenbruch der thermo-industriellen Zivilisation“ (Wiki) hat ihren Schwerpunkt in Frankreich, ist aber aus der Romantik hergeleitet und in der Umwelt- und Klimabewegung anschlussfähig. Nachdem der Akzelerationismus (beschleunigt den Kapitalismus, bis er zusammenbricht) nach rechts gewandert ist, gibt es nun eine weitere Endzeit-Alternative. Ob es sich dabei um Forschung handelt („wird es Gated Communities geben, die sich dem Zusammenbruch entziehen?“) oder Religion (Sehnsucht nach der Tabula rasa), wird sich allerdings offenbar erst noch herausstellen.

Das Parlament als umstrittener Ort der deutschen Demokratiegeschichte by Claudia C. GatzkaClaudia C. Gatzka

Ein Mangel unserer Gegenwart ist das Fehlen von Kontext: Verhältnisse, Institutionen und Ideen wirken wie Monolithen, herausgerissen aus Zeit und Werdegang. Das gilt auch für den Bundestag. Claudia C. Gatzka reißt das Thema Parlamentarismus in Deutschland an, ohne sich nur an Weimar abzuarbeiten. Das Essay hätte von mir aus gerne länger sein können.

Oracle erhält den Zuschlag zu TikTok. Unter Vorbehalt. Eine Firma, die keine Erfahrung mit Social-Plattformen hat. Die nun ein entkerntes – sprich: ohne den bahnbrechenden Empfehlungsalgorithmus ausgestattetes – Produkt übernimmt. Also letztlich sicherlich ein Jahr braucht, um etwas halbwegs Funktionierendes hinzukriegen. Parallelen zur Murdoch-Übernahme von MySpace lassen sich nicht von der Hand weisen. Facebook freut es, mit Instagram Reels steht die Alternative bereits in den Startlöchern.

Liberal Conservatism by Andrew Koppelman

Conservatism at its core, as Roger Scruton understands it, “tells us that we have collectively inherited good things that we must strive to keep”. It “starts from a sentiment that all mature people can readily share: the sentiment that good things are easily destroyed, but not easily created”. Our inheritance “brings with it not only the rights of ownership, but duties of trusteeship. Things fought for and died for should not be idly squandered. For they are the property of others, who are not yet born” (182).

Ein langes Essay, aber für die Ausarbeitung des modernen Konservatismus sehr hilfreich, auch wenn natürlich anglozentrisch.

Siehe auch:
Der diversifizierte Konservatismus (2013)

How Is a Disaster Made? by Andy Horowitz

Rather than asking if a disaster was man-made, therefore, we ought to ask, how was it made? The answer will have to include nature and human nature: water and wind, concrete and clay, politics and culture, conscious choices and unwilled accidents. Our sense of temporal scale, too, must change, because the timelines of human and environmental history are intertwined.

Umweltbundesamt: Streaming weniger klimaschädlich als gedacht by Christopher Jähnert ([object Object])

Das „als gedacht“ ist irgendwie schräg: Die ganze Debatte zum „Klimakiller Streaming“ beruhte in Deutschland bekanntermaßen vor allem auf einer Untersuchung zur Youtube-Bildauflösung, die durch die relativ übliche Digitalskepsis zum allgemeinen Befund wurde. Aber die Realität ist nunmal komplizierter.

Eine Erkenntnis aus der Studie ist, dass Mobilfunk-Datenübertragung CO2-intensiver als Wlan ist. Der Zyniker in mir sagt: Das passt ja dann gut, dass hierzulande angesichts der Bandbreiten-Probleme nur die wenigsten Menschen mit großem Genuss längere Videos über das Mobilfunknetz streamen können.

“Between the High Middle Ages and the Enlightenment, the alchemic dream misled many otherwise authentic Western humanists. The illusion prevailed that the machine was a laboratory-made homunculus, and that it could do our labor instead of slaves. It is now time to correct this mistake and shake off the illusion that men are born to be slaveholders and that the only thing wrong in the past was that not all men could be equally so.”

Ivan Illich, zitiert via L.M. Sacasas. Das zentrale Argument: Menschen benötigen neue Werkzeuge. Was sie nicht benötigen, sind Werkzeuge, die für uns komplett die Arbeit übernehmen – wobei er auch Maschinen oder Institutionen als zivilisatorische Werkzeuge betrachtet.

Denn diese Vorstellung führt zu einer Verselbständigung des Konzepts, und einer Umkehr in der Wirkung: Wir verschwinden in den Logiken der Werkzeuge und setzen alles daran, sie zu erfüllen. Der Moment, in dem uns unsere Werkzeuge zu Erfüllungsgehilfen machen (statt umgekehrt), ist dabei für Illich der entscheidende: Ihn gilt es, zu erkennen und entsprechend entgegenzuwirken – nicht mit Zerstörung, sondern durch Beschränkung.

Das Konzept ist inzwischen fast 50 Jahre alt und dennoch im Kontext Technikfolgenabschätzung weiterhin aktuell.

Huawei’s Struggles in European Telecoms by Jan Stryjak

Huawei’s expulsion from all of Europe’s core networks seems to be a question of when, not if, and its European RAN business may be on the way out too. This will likely result in Europe playing catch-up in its 5G race with China and the US.

Ich bin mit solchen Prognosen vorsichtiger, aber ich muss anders als Jan Stryjak von Counterpoint Research auch keine steilen Thesen verkaufen. Immerhin hat sich für Open RAN (also eine modulare Architektur durch Trennung von Hardware und Software) eine Lücke aufgetan  – ganz entgegen dem Trend in Richtung proprietärer Komplettsysteme.

Job-Monitor: Nachfrage nach Digitalexperten bricht ein by Holger Schmidt

„Die Industrie hatte schon vor Corona das Innovationstempo gedrosselt und in der Krise noch einmal kräftig nachjustiert. Vor allem die Autoindustrie hat Innovationsprojekte wie die Entwicklung autonomer Autos oder Mobilitätsplattformen gestoppt, um sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren. Entsprechend ist der Rückgang der Stellenausschreibungen für Digitalprofis im Autoland Baden-Württemberg mit 43 Prozent deutlich stärker als in anderen Bundesländern ausgefallen. In Nordrhein-Westfalen sank die Nachfrage um 32 Prozent; in Bayern waren es 25 Prozent.“

Zu den Zahlen muss erwähnt werden, dass da ganz verschiedene Digitalberufe vermischt werden, zum Beispiel auch Social-Media-Manager, wo der Rückgang der Ausschreibungen besonders gravierend ist. Aber unter dem Strich verkörpert gerade die Autobranche auf vielen Ebenen das Deutschland des 21. Jahrhundert: Fahren auf Sicht, um die Substanz nicht zu gefährden, von der man in Wahrheit schon lebt.

Siehe auch:
„Das Umfeld hat sich gravierend verändert“