Das hätte auch in einen Tweet gepasst, aber man muss die Maschine nicht füttern: Dass Twitter jetzt auffällt, dass ihre Anti-Hacking-Klausel zum Beispiel die Wikileaks-Enthüllungen geblockt hätte, ist… tja, typisch für dieses Unternehmen, das sich nie aus der Perspektive „Software-löst-alles“ lösen konnte, ohne eine entsprechende Software zu entwickeln.

Klar: Die Twitter-Probleme sind komplex (Moderation unter Skalen-Bedingungen und auf einem schmalen Grat rund um Meinungsäußerungen). Aber die müssten gar nicht so komplex sein, ich würde Twitter auch so keine Lösung zutrauen, solange Jack Dorsey das Unternehmen führt.

The West Wing war unterhaltsames, harmloses Fernsehen – der Bogen der Geschichte weist zum Guten, Menschen sind schwach, aber lernfähig, undsoweiter. Sonst hätte NBC die Serie nie ausgestrahlt. Die Serie zeigt eine Demokratie, in der es letztlich mehr um höhere Prinzipien als um niedere Machtinstinkte geht; in der die Charaktere in Erinnerung bleiben, nicht die Politik, die sie machen oder die Veränderung, die sie bewirken. Letzteres macht sie zu einem Abbild der Clinton-Jahre.

Ich habe The West Wing damals sehr gemocht und finde die Serie weiterhin interessanter als überzeichnete Macht-und-Messer-Dramen wie „House of Cards“. Und doch wirkt die oben Neuauflagen-Nostalgie 2020 wie ein erkaltetes Lagerfeuer.

Natürlich, weil sich die politische Realität in den USA anders zeigt (was aber bereits unter Bush/Cheney der Fall war und den Reiz für West-Wing-Fans ausmachte). Aber auch wegen der Fixierung der Serie auf das vorwiegend Prozesshafte des Politischen, Aaron Sorkins Fetisch, den Figuren elegante und schlaue Wort in den Mund zu legen, ihnen aber darüber hinaus nur die Rolle von Polit-Managern und Verwaltern des Status Quo zu geben.

Das hat natürlich damit zu tun, dass die Serie keine eigene Realität außerhalb der Wände des Weißen Hauses erschaffen konnte. Und auch mit Sorkins politischer Haltung. Es wirkt aber auch auf seltsame Weise unpolitisch. Nicht im Sinne fehlender Polarisierung oder Rücksichtslosigkeit, sondern im Sinne fehlender Ideen, für was eine Regierung eigentlich da ist – jenseits davon, kleine Anpassungen vorzunehmen und rhetorisch die Werte des Landes zu beschwören. Was auch dem damaligen Zeitgeist entspricht.

The I in the Internet

In part out of a desire to preserve what’s worthwhile from the decay that sur­rounds it, I’ve been thinking about five intersecting problems: first, how the internet is built to distend our sense of identity; second, how it encourages us to overvalue our opinions; third, how it maximizes our sense of opposition; fourth, how it cheap­ens our understanding of solidarity; and, finally, how it destroys our sense of scale.

Jia Tolentinos Essay aus dem Februar (Teil einer jüngst erschienenen Sammlung) ist eine strukturierte Erzählung und Meta-Theorie, wie das (kommunizierende) Internet das wurde, was es ist. Von Geocities über Gamergate bis in die Gegenwart.

Ein kluges Stück, auch wegen einer entwaffneten Ratlosigkeit, ob die Frage „Wie wurde das Internet, was es ist?“ überhaupt eine produktive Beschäftigung ist. Ich empfehle es sehr. Gerade wegen dem Zusammenwirken von Beobachtung, Struktur und sprachlicher Klarheit.

The internet reminds us on a daily basis that it is not at all reward­ing to become aware of problems that you have no reasonable hope of solving.

The house party returns

Trotz Wirtschaftskrise steigen in den Industrienationen die Immobilienpreise – in Deutschland zuletzt um 11 Prozent. Allerdings geht der Niedrigzins offenbar im Schnitt nicht mit einer größeren Kredit-Zusage der Banken einher. Ich würde also schlussfolgern, dass es für Normalverdiener schwieriger wird, sich ein Haus zu leisten.

Der Economist hat das Ganze aufgeschrieben. Vor ein paar Jahren noch hätte das Fazit dort gelautet: 1) Vorsicht vor Blasen 2) Wir brauchen mehr Bauland. Heute lautet es: 1) In der Spreizung liegt sozialer Sprengstoff 2) Regierungen müssen den Immobilienmarkt stärker regulieren.

Die Zeiten ändern sich.

Beschlüsse zu Corona-Maßnahmen: Wesentliches muss der Gesetzgeber entscheiden
Juristin Andrea Kießling: „Viele Corona-Maßnahmen sind rechtswidrig“ (€)
Corona-Maßnahmen: Das Parlament ist chronisch krank

Drei Stücke formulieren in Monat 7 der Corona-Krise das Unbehagen angesichts der nochmals verstärkten Hegemonie der Exekutive. Das deutsche Verfassungssystem ist, gerade an der Schnittstelle von Legislative und Exekutive, eher eine lose Anordnung als ein festgelegtes System, das zudem noch auf einen Bismarck’schen Ministerialbehörden-Block trifft. Die fortgesetzte Selbstverzwergung hat einerseits Tradition, hat sich andererseits im Corona-Zeitalter verstärkt, da hier schnelle Entscheidungen geboten scheinen.

Das erscheint logisch, ist aber nicht nur rechtlich problematisch, sondern auch institutionell: Dinge können sich einschleifen, politische Praxis verliert die Bindung an eigentlich notwendige Prozesse; das gilt für die Entscheidungen der Exekutive selbst, wenn sie zum Beispiel wie in Bayern keine verschriftlichten Entscheidungsgrundlagen vorlegen kann oder will.

Update, 4. Oktober, 22 Uhr: Der geschätzte Stefan Kalhorn hat sich die Mühe gemacht, auf die Argumente in den verlinkten Stücken einzugehen und größtenteils zu widerlegen.

Nagorno-Karabakh conflict: Armenia shoots down drones near capital
Israeli drones in Azerbaijan raise questions on use in the battlefield
Turkey, Iran Deploy ‚Game-changing‘ Drones In North Iraq

Ich bin kein Militärexperte, wahrscheinlich fällt es mir deshalb auf, wenn gleich mehrere Meldungen rund um bewaffnete Drohnen bzw. Drohnen als Waffen kursieren. Einmal im Zusammenhang mit dem Einsatz bewaffneter Drohnen gegen die Kurden, sowohl durch die Türkei, als auch durch Iran. Und dann die Nutzung (aus Israel importierter) „Selbstmord-Drohnen“ oder „Kamikaze-Drohnen“ durch Aserbaidschan im Konflikt mit Armenien. Diese Drohnen sind nicht bewaffnet, sondern selber die Waffe, der Name verrät es.

Mit dem Einsatz amerikanischer drohnen in Pakistan unter George W. Bush und später Obama begann auch in Deutschland die Debatte über Kampfdrohnen. Die Entscheidung der Bundesregierung naht, am Montag gibt es noch einmal eine Anhörung im Verteidigungsausschuss.

De facto aber schafft der globale Einsatz in einzelnen Konflikten bereits Tatsachen, das Gleichgewicht des Schreckens bedeutet hier Aufrüstung statt gegenseitige Abschreckung. Und damit steigt natürlich das Risiko bewaffneter Konflikte, da – siehe der Drohnen-Abschuss nahe der armenischen Hauptstadt Jerewan – Distanzen eine kleinere Rolle spielen, Verluste eigener Soldate gar keine Rolle mehr. Und das Ganze ist im Falle der Kamikaze-Drohnen deutlich billiger als Raketen, nehme ich an.

Davor hatten Sicherheitsexperten gewarnt. Und der Stillstand in den UN-Gespräche über eine Konvention zu autonome Waffensystemen (siehe: „Roboterkrieg“) signalisiert derzeit, dass wir uns mit der stetigen Verbreitung von Kampfdrohnen nur in einer längeren Zwischenphase vor dem Zeitalter des „Autonomous Warfare“ befinden.