Foreign Exchanges by Derek DavidsonDerek Davidson

Inzwischen habe ich wieder eine Reihe zahlungspflichtiger Substack-Abos, darunter seit einer Woche auch Foreign Exchanges von Derek Davidson (fünf Dollar im Monat). Das Konzept: Was politisch auf jedem Kontinent, von Land zu Land, passiert ist. Wenn etwas passiert ist. In Kurzform, meist einen längeren Absatz lang. So ungefähr wie der Economist-Wochenrückblick als tägliches Format, aber mit etwas mehr Kontext und zum Beispiel auch an neuen Studien, Essays, Policy-Papers etc. aufgehängt.

Davidson kommt eher aus dem linken Lager, spart sich trotz lesbarer Haltung aber in der Regel Snark und stärkere Einfärbungen, so mein Eindruck. Für mich schon nach wenigen Tagen ein kleines Frühinformationssystem, was sich wo auf der Welt zusammenbraut und was ich bei Economist, BBC etc. demnächst genauer verfolgen sollte. Ich drücke die Daumen, dass die Abo-Zahlen den Aufwand belohnen.

„Jonathan Swan’s utterly polite and unrelenting scepticism really highlights the fact that the default mode of US network interviewers is high deference. Even when they are contesting Trump’s claims, they treat him as though he’s a grand eminence. Swan is much more ‚headmaster who knows you broke into the sports cupboard because he can see the deflating football behind your back‘.“

Helen Lewis, The Bluestocking Newsletter

Radio Open Source: Nicholson Baker by Radio Open SourceRadio Open Source

Nicholson Baker hat sich für sein neues Buch auf die Spuren von Chemiewaffen-Programmen der USA in den Fünfzigern begeben. Er erzählt im „Open-Source“-Podcast über einen ungewöhnlichen Streit der Institutionen: Und zwar hatte die amerikanische Luftwaffe Ende der 1940er zunächst ein, dann drei Stockwerke in der Library of Congress übernommen. Dort arbeiteten CIA- und Pentagon-Mitarbeiter daran, auf Karten Bombardierungsziele in der Sowjetunion zu identifizieren.

Die Bibliothek, die ja sozusagen das kulturelle Gedächtnis des Landes beherbergt, wollte sich zunächst dagegen wehren; mit dem Beginn des Korea-Krieges schwenkte man um: Die Library of Congress versicherte Loyalität und schuf Platz, indem man in der Bücherei gelagertes Material „entsorgte“. Für Baker nicht nur ein symbolischer Wendepunkt, sondern Teil einer politischen Wende im beginnenden kalten Krieg: noch einmal unwiderruflicher entrückt von einer moralisch nachvollziehbaren Geopolitik, hin zu einer Außenpolitik der Geheimhaltung und rücksichtlichen Interessensdurchsetzung.

TikTok and the Sorting Hat by Eugene WeiEugene Wei ([object Object])

Wenn es nur einen Text über TikTok gebt, den man derzeit lesen sollte, dann dieses Essay von Eugene Wei. Der geht nicht nur darauf ein, warum der Algorithmus bei TikTok noch viel wichtiger (und besser) als bei Facebook ist, sondern zieht auch Verbindung zum Interest Graph – der punktgenauen Erfassung von Interessen, an denen sich dann der ausgespielte Inhalt orientiert und Nutzer bindet.

„But what if there was a way to build an interest graph for you without you having to follow anyone? What if you could skip the long and painstaking intermediate step of assembling a social graph and just jump directly to the interest graph? And what if that could be done really quickly and cheaply at scale, across millions of users? And what if the algorithm that pulled this off could also adjust to your evolving tastes in near real-time, without you having to actively tune it?“

Wei hat auch eine ganz interessante Theorie, warum ein chinesisches Produktteam den amerikanischen Markt geknackt hat. Trotz der Tatsache, dass das (gegenseitige) kulturelle Verständnis fehlt. Die TikTok-Software abstrahiert demnach die kulturelle Ebene einfach weg, weil Lernen aus Verhalten + Zuweisung von Interessenskategorien im Backend so fantastisch funktionieren.

Verbände sind für Forderungen da, insofern erfüllt der Handelsverband mit seiner Forderung nach einem staatlichen Digitalisierungsfonds von 100 Millionen Euro seine Aufgabe. Mich lässt aber der Verdacht nicht los, dass man damit vor allem eine Beraterstruktur etablieren möchte, die eng an den Verband und sein Kompetenzzentrum Handel angelehnt ist. Denn worin außer SEO, Shopify-Installation und Social-Media-Marketing soll die Beratung bestehen? Ehrlicherweise ist doch der Austausch untereinander viel besser, um hier so etwas wie Best Practice zu entwickeln. Aber klar: Wer sich mit diesen Dingen als kleiner und mittlerer Einzelhändler bislang überhaupt nicht beschäftigt hat, wird in allen Belangen draufzahlen. Ob die Allgemeinheit das übernehmen muss, ist allerdings eine andere Frage.

Here’s How Microsoft’s New TikTok App Would (Probably) Work by Owen WilliamsOwen Williams

Wie würde es aussehen, wenn Microsoft das Teilgeschäft von TikTok übernimmt? Owen Williams mit drei Varianten:
1. Ein Spinoff als Silo, also nicht mit den TikTok-Konten der anderen Versionen (China + X) verbunden. Sozusagen re-regionalisierte soziale Netzwerke.
2. TikTok bleibt eine einzige App, die nach verschiedenen Datenregeln verwaltet wird. Microsoft wäre dann nicht viel mehr als ein Datenverwalter, die Feature-Entwicklungg würden weiterhin bei ByteDance liegen.
3. TikTok als Plattform, kompatibel über APIs: Original-TikTok zu Microsoft würde sich wie Twitter zu Tweetdeck verhalten (die Daten bleiben allerdings bei Microsoft, logischerweise). Mit der Zeit wohl ein „anderes TikTok“, das (wie Tweetdeck) eigene Funktionen bekommt, gleichzeitig aber einige Kernfunktionen des Originals (wie z.B. Umfragen bei Twitter) nicht hat.

(1) ist deutlich schwerer als (2) oder (3) vorstellbar. Und (3) wäre teurer als (2), aber auch aufwändiger zu pflegen (letztlich kompletter Neuaufbau eines Teams). (2) wiederum könnte am Veto der US-Regierung scheitern, wobei ich mir einen Hybriden aus (2) und (3) vorstellen kann. Auf den Algorithmus kann Microsoft allerdings definitiv nicht verzichten.

Siehe auch: TikTok – Software, Marken, Lebensmittel

19th News by 19th News

Ein journalistisches Portal zur US-Politik, von Frauen, für Frauen. Bei einer Zielgruppe von 165 US-Einwohnerinnen und einem feministischen Zeitgeist innerhalb der Progressiven ist das eine Idee, die sicher funktionieren könnte. Aber eben nicht in Deutschland bzw. in deutscher Sprache: Die Ausdifferenzierung über Einzel-Newsletter und Sammelprojekte, die bestimmte Nischen und Interessen bedienen, wird angesichts der überschaubaren D-A-CH-Marktgröße jenseits einzelner Projekte nicht tragfähig sein.

Damit wird nach der Modernisierungswelle durch VC-finanzierte Neumedien ein weiterer US-Trend Deutschland nicht erreichen. Keine guten Aussichten angesichts einer Mischung aus sklerotischen Strukturen und immer prekäreren Arbeitsbedingungen. Ich denke, dass trotz aller Definitionsprobleme die Anerkennung von Gemeinnützigkeit im Journalismus die besten Aussichten hätte, zumindest einzelne Teile der wegbrechenden privaten Medienstruktur aufzufangen.

(via Christian Fahrenbachs Newsletter)

Eine mögliche Aufspaltung von TikTok bricht mit unserer Vorstellung, wie Software funktioniert: Universell und nur im Frontend lokalisiert, und zwar meist nicht bei den Funktionen, sondern in der Regel nur sprachlich.

Ein Five-Eyes-TikTok würde eher an Lebensmittelmarken erinnern: Das Spaten-Bier, das in Europa anders als in den USA schmeckt, weil es in verschiedenen Fabriken gebraut wurde. Der Schokoriegel, der nicht nur wegen unterschiedlicher Fabriken und Zutaten unterschiedlich schmeckt, sondern auf einem Kontinent von Firma X, auf einem anderen von Firma Y hergestellt wird. Die Klammer ist die Marke, der Rest dahinter ist verhandel- und lizensierbar.

Das ist auch bei Software nicht unbedingt neu: Uber in Deutschland ist etwas anderes als Uber in den USA. Genauso wenig ist es eine neue Entwicklung, dass China (und damit auch chinesische Software-Produkte) digital vom Rest der Welt abgeschnitten sind.