Der Kampf der Weltanschauungen

„Blätter“-Mitherausgeber Micha Brumlik über die Konfrontation der Weltmächte USA/Westen und China – auf philosophischer Ebene:

„Wenn also Philosophie tatsächlich ihre Zeit in Gedanken gefasst ist, so steht die Weltgemeinschaft derzeit vor zwei radikal differenten Universalismen: einem Universalismus der Würde, Anerkennung, Demokratie, der individuellen Freiheit und Gerechtigkeit auf der einen und einem Universalismus der Wohlfahrt, der bloß materiellen Zufriedenheit sowie zwischenstaatlicher Hilfe auf der anderen Seite.“

Bei genauerer Betrachtung ist dieser Konflikt auch längst in den Westen selbst eingebettet.

Tod eines Lehrers

Zunehmend muss man sich im Klassenraum AKP-Propaganda erwehren und sieht sich Schülern (alle männlich) gegenüber, die die Größe der türkischen Nation verteidigen, als ob sie sie persönlich beträfe – obwohl sie oft schon in der vierten Generation hier leben! Gleichzeitig geht damit eine Verherrlichung patriarchalischer Lebensformen einher. Ich bemerke im Unterricht etwa zunehmend offen, geradezu herausfordernd vorgetragene Forderungen nach der Entrechtung von Frauen. Die Vorstellung, dass Homosexuelle Rechte hätten, wird geradezu mit Abscheu begegnet.

Lesenswert von Stefan Sasse. Politischer Religionsfundamentalismus ist seit längerer Zeit ein Exportschlager aus Saudi-Arabien und der Türkei. Und wie jeder Versuch, die eigene Identität und politische Ziele aus religiöser (oder: religiös-verbrämter) Unerbittlichkeit abzuleiten (vgl. zum Beispiel die Hardcore-Evangelikalen), ist das gesellschaftlich brandgefährlich.

The house party returns

Trotz Wirtschaftskrise steigen in den Industrienationen die Immobilienpreise – in Deutschland zuletzt um 11 Prozent. Allerdings geht der Niedrigzins offenbar im Schnitt nicht mit einer größeren Kredit-Zusage der Banken einher. Ich würde also schlussfolgern, dass es für Normalverdiener schwieriger wird, sich ein Haus zu leisten.

Der Economist hat das Ganze aufgeschrieben. Vor ein paar Jahren noch hätte das Fazit dort gelautet: 1) Vorsicht vor Blasen 2) Wir brauchen mehr Bauland. Heute lautet es: 1) In der Spreizung liegt sozialer Sprengstoff 2) Regierungen müssen den Immobilienmarkt stärker regulieren.

Die Zeiten ändern sich.

Nagorno-Karabakh conflict: Armenia shoots down drones near capital
Israeli drones in Azerbaijan raise questions on use in the battlefield
Turkey, Iran Deploy ‚Game-changing‘ Drones In North Iraq

Ich bin kein Militärexperte, wahrscheinlich fällt es mir deshalb auf, wenn gleich mehrere Meldungen rund um bewaffnete Drohnen bzw. Drohnen als Waffen kursieren. Einmal im Zusammenhang mit dem Einsatz bewaffneter Drohnen gegen die Kurden, sowohl durch die Türkei, als auch durch Iran. Und dann die Nutzung (aus Israel importierter) „Selbstmord-Drohnen“ oder „Kamikaze-Drohnen“ durch Aserbaidschan im Konflikt mit Armenien. Diese Drohnen sind nicht bewaffnet, sondern selber die Waffe, der Name verrät es.

Mit dem Einsatz amerikanischer drohnen in Pakistan unter George W. Bush und später Obama begann auch in Deutschland die Debatte über Kampfdrohnen. Die Entscheidung der Bundesregierung naht, am Montag gibt es noch einmal eine Anhörung im Verteidigungsausschuss.

De facto aber schafft der globale Einsatz in einzelnen Konflikten bereits Tatsachen, das Gleichgewicht des Schreckens bedeutet hier Aufrüstung statt gegenseitige Abschreckung. Und damit steigt natürlich das Risiko bewaffneter Konflikte, da – siehe der Drohnen-Abschuss nahe der armenischen Hauptstadt Jerewan – Distanzen eine kleinere Rolle spielen, Verluste eigener Soldate gar keine Rolle mehr. Und das Ganze ist im Falle der Kamikaze-Drohnen deutlich billiger als Raketen, nehme ich an.

Davor hatten Sicherheitsexperten gewarnt. Und der Stillstand in den UN-Gespräche über eine Konvention zu autonome Waffensystemen (siehe: „Roboterkrieg“) signalisiert derzeit, dass wir uns mit der stetigen Verbreitung von Kampfdrohnen nur in einer längeren Zwischenphase vor dem Zeitalter des „Autonomous Warfare“ befinden.

Liberal Conservatism by Andrew Koppelman

Conservatism at its core, as Roger Scruton understands it, “tells us that we have collectively inherited good things that we must strive to keep”. It “starts from a sentiment that all mature people can readily share: the sentiment that good things are easily destroyed, but not easily created”. Our inheritance “brings with it not only the rights of ownership, but duties of trusteeship. Things fought for and died for should not be idly squandered. For they are the property of others, who are not yet born” (182).

Ein langes Essay, aber für die Ausarbeitung des modernen Konservatismus sehr hilfreich, auch wenn natürlich anglozentrisch.

Siehe auch:
Der diversifizierte Konservatismus (2013)

COVID-19 and Climate Change Have the Same Root Cause by Bathsheba Demuth ([object Object])

Die Umwelthistorikerin Bathsheba Demuth gehört zu den seltenen Covid-19-Patientinnen, die seit Monaten Fieber haben. Da ihre Schwerpunkt-Forschung in Sibirien stattfindet kommt sie nicht umhin, das permanente Fieber mit dem Hitzesommer in der Arktis zu vergleichen.

Eine ihrer Beobachtung: Die Folgen der Externalisierung von Kosten (Kohleausstoß und Klimaerhitzung, aber auch Instabilität durch Kolonialismus) waren bei den Verursachern einst erst nach vielen Jahren zu spüren. Das hat sich geändert: Der Raum zwischen den Vorteilen des Konsums und den Folgekosten der Produktion ist buchstäblich zusammengeschmolzen. „Was weit weg in der Arktis – oder in China, oder sonstwo – beginnt, bleibt nicht dort. Oder, um es anders auszudrücken: Die selben Dynamiken, die Sibirien erhitzen auch mich.“

Unveiling Our New Modernity by Jonathan TeubnerJonathan Teubner

„I suspect that we are coming to see our world as increasingly discontinuous with the twentieth century, and COVID-19 is just one of the many breaking points. Pax Americana has for some time now been an unconvincing description of the twenty-first century. Indeed, appeals to the mass mobilization and solidarity that accompanied the second World War are becoming increasingly incredible. If our current political order is upended, we are unlikely to think of it as the COVID-19 disruption. It will be bigger than that. The signs of larger shifts are already in the works. Oddly enough, “Brexit” now oddly seems to belong to a previous age, when European Union rules, processes, and treaties were effective norms for debating its value and consequences.“

How COVID-19, or Something Like It, Killed Pablo by Kaoru YonekuraKaoru Yonekura

Covid-19 in Venezuela – die Geschichte eines Mannes, die Geschichte seines Todes, die Geschichte der Zustände in Venezuela:

Pablo was laid on a board and given free oxygen, and then they almost forgot he existed. His throat was dry, but he was breathing, functioning, no one had realized he was doing something worse than being dead: he was dying. The woman two beds away from him died begging for her life, while the hospital waited for her death.

What the Pandemic Looks Like in the World’s ‘Ungoverned Spaces’ by Claire Mcloughlin

Unregierte Räume gibt es viele: Die Gebiete indigener Völker zum Beispiel, die informell verwalteten Regionen Somalias oder Afghanistans, die von Kartellen kontrollierten Gegenden Mexikos. Streng genommen sind sie nicht unregiert, sondern eben nur weitestgehend nicht vom Staat.

Covid-19, das zeigt dieses Essay, kann diese Strukturen stärken – zum Beispiel, wenn Drogenkartelle Medikamente verteilen oder inoffizielle Autoritäten die Corona-Regeln definieren. Oder wenn die Bevölkerung staatlichen Behörden aufgrund des Misstrauens keinen Zutritt gewährt. Diese Entwicklungen beeinflussen wiederum ganz unmittelbar, wie sich ein Land, eine Region, eine Community in den nächsten Jahren orientieren. Wer also die Herrschaft über den unregierten Raum hat.

The Vaccine Struggle by Peter ZeihanPeter Zeihan

Peter Zeihan über die komplexe Aufgabe der Corona-Impfstoffentwicklung. Je nach Impfstoff und Szenario (regelmäßige Nachimpfung nötig?) tauchen Faktoren auf, die zu berücksichtigen sind – Kühlketten, notwendige Spritzen-Produktion, globale Verteilung etc, Kein Experten-Stück, aber ein guter Einblick. Ergänzend verweise ich auf den Economist-Hinweis, dass dieses Mega-Projekt eigentlich immer noch unterfinanziert ist.