The Grand Old Meltdown

The Flight 93 Convention

Zugegebenermaßen habe ich nicht viel über die amerikanischen Parteiversammlungen gelesen. Aber diese beiden Texte: Oben beschreibt Tim Alberta (dessen Buch „American Carnage“ ich gerade sozusagen als vorläufigen politischen Schlussstrich unter meine US-Zeit lese), wie ausgehöhlt die Republikaner sind. Ideenlos, ohne Lösungsvorschläge, nur „Owning the libs“ und Machterhalt als Kern.

Der Artikel darunter greift das Motiv von „Flug 93“ auf. Das war 2016 das Bild in einem konservativen Aufsatz, der zur Trump-Wahl aufrief (der zunächst anonyme Autor gab sich zu erkenne und bekam später einen Job im Weißen Haus). Wie bei dem Passagierflug an 9/11 gehe es darum, die Entführer (die Demokraten) zu überwältigen und den Flieger zum Absturz zu bringen, bevor er die staatlichen Grundfeste (im Falle von Flug 93 das Pentagon, im Falle der US-Politik ein Umbau des Staates nach dem Wunsch der bösen, bösen Demokraten) zum Einsturz bringt. So lässt sich auch das Motto der Republikaner und des Parteitags für 2020, es geht um geschürte Existenzangst, gemeint ist die kulturelle und auch offen ethnische Existenz.

Die Metapher sagt eigentlich alles, gerade in ihrer fehlenden Durchdachtheit. Was passiert, wenn der Flieger zerschellt? Und was heißt es, dass das ganze Land mit im Flugzeug sitzt und draufgeht? Politischer Nihilismus im amerikanischen Stil.

 

A Historian of Economic Crisis on the World After COVID-19 by Eric LevitzEric Levitz ([object Object])

Nachgereicht ein Interview mit Adam Tooze. Zitat:

„Most emerging market economies have demonstrated a remarkable capacity to cope with the crisis and mounted a very considerable fiscal-policy stimulus. Some have even engaged in forms of quantitative easing. And so they’ve refuted the most apocalyptic vision of globalization, which would deny them this kind of agency. That, to me, is the single most important break in the ideology of the 1980s and 1990s. Does that open the door to a more progressive politics? Of course it might. But it would take politics to exploit that opportunity.“

Nationen sind fiskalpolitisch äußerst handlungsfähig – gerade in den Schwellenländern war diese Feststellung angesichts des Konsens der vergangenen Jahre alles andere als unumstritten. Ob Covid-19 global das Ende der Austerität als Leitmotiv wirtschaftspolitischen Handelns bedeutet, ist noch nicht gesagt. Vielmehr könnte es so sein, dass sich das Dogma auf Seiten der Wirtschafts-/Fiskalpolitik weiter auflöst, uns politisch aber erhalten bleibt.

Siehe auch

Strategie vs. Reaktion

What the Pandemic Looks Like in the World’s ‘Ungoverned Spaces’ by Claire Mcloughlin (worldpoliticsreview.com)

Unregierte Räume gibt es viele: Die Gebiete indigener Völker zum Beispiel, die informell verwalteten Regionen Somalias oder Afghanistans, die von Kartellen kontrollierten Gegenden Mexikos. Streng genommen sind sie nicht unregiert, sondern eben nur weitestgehend nicht vom Staat.

Covid-19, das zeigt dieses Essay, kann diese Strukturen stärken – zum Beispiel, wenn Drogenkartelle Medikamente verteilen oder inoffizielle Autoritäten die Corona-Regeln definieren. Oder wenn die Bevölkerung staatlichen Behörden aufgrund des Misstrauens keinen Zutritt gewährt. Diese Entwicklungen beeinflussen wiederum ganz unmittelbar, wie sich ein Land, eine Region, eine Community in den nächsten Jahren orientieren. Wer also die Herrschaft über den unregierten Raum hat.

Philosophers On GPT-3 (updated with replies by GPT-3) by Daily NousDaily Nous (dailynous.com)

Diese kurzen Essays von neun Philosophen und Philosophinnen zur künstlichen Sprachintelligenz GPT-3 machen Lust auf mehr. Beziehungsweise deuten an, dass die Suche kognitiver Kategorien für intelligente Software wie GPT-3 zu den spannendsten Feldern der aktuellen Philosophie werden könnte. Natürlich durch den Komplex „Was ist Intelligenz minus Bewusstsein? Mehr als ein Toaster.“ mit einer kleinen metaphysischen Note versehen.

Als Appetithappen ein Auszug von David Chalmers:

„GPT-3 does not look much like an agent. It does not seem to have goals or preferences beyond completing text, for example. It is more like a chameleon that can take the shape of many different agents. Or perhaps it is an engine that can be used under the hood to drive many agents. But it is then perhaps these systems that we should assess for agency, consciousness, and so on.“

Das Dorf, das Virus und die Studie: Die Heinsberg-Story by Stephan Beuting from deutschlandfunkkultur.de

Im DLF-Feature „Die Heinsberg-Story“ findet sich eine interessante Doppelstruktur mit dem Thema Narrative: Die Heinsberger beschweren sich über die Vorgehensweise der Bild und anderer Medien, konkret über den Voyeurismus und das Narrativ vom ansteckenden Landkreis. Zugleich beschwert sich der Virologe Hendrick Streeck über die Twitter-Rezeption der „Heinsberg-Studie“ – dort stand ja gleich im Raum, das Ganze sei als trojanisches Pferd für das Konzept Herdenimmunität gedacht.

Die Storymachine-Einschaltung war eine Dummheit, sicher, insofern muss man bei der Bewertung von Streecks Beschwerde auch differenzieren. Aber dass es um einfache Geschichten geht, sich dabei Twitter vom Boulevard auch in seinen Methoden des „Vor-sich-her-Treibens“ nicht wesentlich unterscheidet: Das kommt im Feature gut rüber und erklärt auch, warum Twitter inzwischen so unerträglich ist.

For Robots, It’s a Time to Shine (and Maybe Disinfect) by Lisa Prevost (nytimes.com)
The pandemic has turned cleaning and other mundane building tasks into a challenge, stoking interest in machines as cost-effective solutions.

Im Kern dieses Stücks: Fortschreitende Automatisierung durch die Corona-Krise. In diesem Fall im Bereich Gebäudereinigung. Solche Geschichten gibt es aus den USA zuletzt häufiger: Die amerikanischen Schlachtfabriken stellen auf Schlachtroboter um, um Corona-Infektionen und Schließungen zu vermeiden. Abhol-Möglichkeiten für Online-Bestellungen in Supermärkten werden zügig ausgebaut (ein Beispiel für die Backend-Technologie dahinter: Shuttle-Roboter, die aus einem Lager mit ca. 10 000 Artikeln etwa 80 Prozent einer regulären Bestellung innerhalb von fünf Minuten zusammensuchen können).

Social Distancing und das Risiko in Menschenansammlungen werden die Automatisierung in den USA beschleunigen, um fünf Jahre mindestens, würde ich tippen. In Deutschland werden die Trends dann mit einigem zeitlichen Abstand ankommen, sofern sich die Voraussetzungen und Einsparmöglichkeiten ähneln.

Poland's Presidential Election: It's the Economy, Stupid by Mitchell Orenstein (fpri.org)

Die polnische Präsidentschaftswahl, analysiert von Mitchell Orenstein vom Foreign Policy Research Institute: Seine Lesart ist kein 50/50-gespaltenes Land, sondern eine PiS, die es mit der Identitätspolitik übertrieben hat und so beinahe die Unterstützung der deutlich größeren Mehrheit verspielt hätte, die sie wegen ihrer Wirtschafts- und Sozialpolitik genießt. Er zitiert auch eine CBOS-Umfrage von 2019 und zieht daraus seine Schlüsse:

– 68 Prozent unterstützen die Gleichberechtigung Homosexueller, sei es aus Toleranz oder Überzeugung.
– Unterschiede zwischen 2013 und 2019: Von einer Oligarchie reden nur noch 13 statt 31 Prozent, die Zahl derer, die von Polen als Mittelschichtsgesellschaft sprechen, hat sich von 14 auf 28 Prozent verdoppelt.
– Die oppositionelle (und europafreundliche) Platforma Obywatelska wird mit ihrer Deregulierung und Rentenalter-Erhöhung in Verbindung gebracht.

Was lässt sich daraus folgern über das Demokratieverständnis in Polen? Orenstein formuliert es als Frage: „Is democracy procedural, about how governmental institutions function? Or substantive, about whether a majority benefits from government policy?“ Letzteres lässt sich auch auf Ungarn anwenden, wo das Vertrauen in die Demokratie in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Die Unterstützung für Demokratie kann, Michael Ignatieff hat darauf einmal hingewiesen, sich auf Elemente wie freie Wahlen beschränken und muss nicht unbedingt die sie stützenden Institutionen wie eine unabhängige Gerichtsbarkeit oder freie Medien einschließen.

Als die App-Ökonomie jung war, kursierte im Silicon Valley der aus dem Film „Feld der Träume“ abgeleitete Satz: „Build it, and they will come“. In die Praxis übersetzt: Gute Software genügt als Argument.

Im Jahr 2020 würde freilich niemand mehr auf die Idee kommen, einfach nur eine App zu bauen und dann darauf zu warten, dass die Nutzer schon von alleine kommen. Womit wir bei der SPD wären. Denn den Sozialdemokraten rufen politische Beobachter ebenfalls gerne zu: Macht gute Regierungsarbeit, dann kommen die Wähler zurück. Im aktuellen Zusammenhang zum Beispiel rund um die Gedankenspiele zu Grün-Rot-Rot. Weil das ja bislang total spitze funktioniert hat und man ü-ber-haupt nicht als eine Art korrigierende Nebenstelle einer Unionsregierung wahrgenommen wird. Wenn man überhaupt wahrgenommen wird.

Natürlich muss die SPD eine linke Machtoption aufrufen, unabhängig von den Aussichten. Was denn sonst? Dem dritten Weg weiter in die Wüste folgen? Aber klar, nachdem dreimal SPD-Kanzlerkandidaten mit dem inoffiziellen Wahlkampfmotto „Ich bin nicht Angela Merkel, will aber fast das Gleiche“ krachend scheiterten, wird Olaf Scholz die Sozialdemokratie zu neuen Höhen führen (also… über 20 Prozent?), wenn er das Prinzip im ersten Post-Merkel-Wahlkampf einfach auf die Spitze treibt und der Wählerschaft als politischer Cosplayer entgegenruft: „Ich bin jetzt eure Angela Merkel“.

Wie heißt es so schön, wenn auch nicht von Einstein: Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.

Am Wochenende in deutschen Magazinen und Zeitungen (nach-)gelesen:

FDP: Neue Arbeiterpartei (ZEIT) Die FDP wollte ja vor die Fabriken ziehen, dann kam Corona. Die Zeit nun mit einem wohlwollenden Artikel über die Idee, das Aufstiegsversprechen der SPD zu entreißen. Das gegenwärtige Image klebt den liberalen allerdings natürlich wie Kaugummi am Schuh, was auch daran liegt, dass sie immer wieder drauftreten.

Gregor Gysi: Er schon wieder (ZEIT) Gregor Gysi zurück im politischen Tagesgeschäft, in ihm gespielt die außenpolitischen Grabenkämpfe der Linken. Die Richtungsstreitigkeiten in der Partei erinnern mich ja immer ein bisschen an Dunkelkammercatchen, niemand weiß, wer gerade wie viele sind, wer auf wen draufhaut und wer gewinnt.

Der Feind im Inneren (Spiegel, €) Rechtsradikalismus in deutschen Sicherheitsbehörden, eine akribische Beispielliste.

Taubblindheit: Woraus die Welt besteht (SZ, €) Clara Hellner hat versucht, Welt und Lebenswelt von taubblinden Menschen zu beschreiben und beantwortet nebenbei die Frage „Was ist Wahrnehmung?“ auf spannende Weise. Bestes SZ-Stück am Wochenende.

„Frauen sind fast unsichtbar“ (ZEIT, €) Frauenfeindlichkeit und Männergehabe bei Scholz & Friends. Die Hölle, das sind die anderen in einer Werbeagentur.

Die Erfindung des Katholizismus (FAZ, €) Hubert Wolf fasst sein neues Buch zusammen – wie Pius IX. („Die Tradition bin ich“) im Jahr 1870 die Unfehlbarkeit zum Dogma machte und sich damit ganz im Sinne Hobsbawms eine Tradition erfand, die so gar nicht existierte (mit Folgen bis heute).

Foreign Exchanges by Derek DavidsonDerek Davidson (fx.substack.com)

Inzwischen habe ich wieder eine Reihe zahlungspflichtiger Substack-Abos, darunter seit einer Woche auch Foreign Exchanges von Derek Davidson (fünf Dollar im Monat). Das Konzept: Was politisch auf jedem Kontinent, von Land zu Land, passiert ist. Wenn etwas passiert ist. In Kurzform, meist einen längeren Absatz lang. So ungefähr wie der Economist-Wochenrückblick als tägliches Format, aber mit etwas mehr Kontext und zum Beispiel auch an neuen Studien, Essays, Policy-Papers etc. aufgehängt.

Davidson kommt eher aus dem linken Lager, spart sich trotz lesbarer Haltung aber in der Regel Snark und stärkere Einfärbungen, so mein Eindruck. Für mich schon nach wenigen Tagen ein kleines Frühinformationssystem, was sich wo auf der Welt zusammenbraut und was ich bei Economist, BBC etc. demnächst genauer verfolgen sollte. Ich drücke die Daumen, dass die Abo-Zahlen den Aufwand belohnen.