Verbände sind für Forderungen da, insofern erfüllt der Handelsverband mit seiner Forderung nach einem staatlichen Digitalisierungsfonds von 100 Millionen Euro seine Aufgabe. Mich lässt aber der Verdacht nicht los, dass man damit vor allem eine Beraterstruktur etablieren möchte, die eng an den Verband und sein Kompetenzzentrum Handel angelehnt ist. Denn worin außer SEO, Shopify-Installation und Social-Media-Marketing soll die Beratung bestehen? Ehrlicherweise ist doch der Austausch untereinander viel besser, um hier so etwas wie Best Practice zu entwickeln. Aber klar: Wer sich mit diesen Dingen als kleiner und mittlerer Einzelhändler bislang überhaupt nicht beschäftigt hat, wird in allen Belangen draufzahlen. Ob die Allgemeinheit das übernehmen muss, ist allerdings eine andere Frage.

19th News by 19th News (19thnews.org)

Ein journalistisches Portal zur US-Politik, von Frauen, für Frauen. Bei einer Zielgruppe von 165 US-Einwohnerinnen und einem feministischen Zeitgeist innerhalb der Progressiven ist das eine Idee, die sicher funktionieren könnte. Aber eben nicht in Deutschland bzw. in deutscher Sprache: Die Ausdifferenzierung über Einzel-Newsletter und Sammelprojekte, die bestimmte Nischen und Interessen bedienen, wird angesichts der überschaubaren D-A-CH-Marktgröße jenseits einzelner Projekte nicht tragfähig sein.

Damit wird nach der Modernisierungswelle durch VC-finanzierte Neumedien ein weiterer US-Trend Deutschland nicht erreichen. Keine guten Aussichten angesichts einer Mischung aus sklerotischen Strukturen und immer prekäreren Arbeitsbedingungen. Ich denke, dass trotz aller Definitionsprobleme die Anerkennung von Gemeinnützigkeit im Journalismus die besten Aussichten hätte, zumindest einzelne Teile der wegbrechenden privaten Medienstruktur aufzufangen.

(via Christian Fahrenbachs Newsletter)

Eine mögliche Aufspaltung von TikTok bricht mit unserer Vorstellung, wie Software funktioniert: Universell und nur im Frontend lokalisiert, und zwar meist nicht bei den Funktionen, sondern in der Regel nur sprachlich.

Ein Five-Eyes-TikTok würde eher an Lebensmittelmarken erinnern: Das Spaten-Bier, das in Europa anders als in den USA schmeckt, weil es in verschiedenen Fabriken gebraut wurde. Der Schokoriegel, der nicht nur wegen unterschiedlicher Fabriken und Zutaten unterschiedlich schmeckt, sondern auf einem Kontinent von Firma X, auf einem anderen von Firma Y hergestellt wird. Die Klammer ist die Marke, der Rest dahinter ist verhandel- und lizensierbar.

Das ist auch bei Software nicht unbedingt neu: Uber in Deutschland ist etwas anderes als Uber in den USA. Genauso wenig ist es eine neue Entwicklung, dass China (und damit auch chinesische Software-Produkte) digital vom Rest der Welt abgeschnitten sind.

Regarding GPT-3's faculties (machinamenta.blogspot.com)

Interessante Liste, welche „mentale Fähigkeiten“ die Sprach-KI GPT-3 hat. Die ersten drei Eigenschaften klingen für mich sehr postmodern:

Keine konkreten Überzeugungen (sagt je nach Kontext unterschiedliche Dinge)
Menschlich im Sinne von „Anpassung an das Umfeld“ (privat vs. Beruf vs. Subszenen, deren Teil man ist); aber auch im Kontext „Patchwork-Lebensphilosophie“ gültig, die oft in Prinzipien starr, aber in der Praxis sehr anpassungsfähig ist.

Hat keine Informationen, woher ihr Wissen stammt
Entspricht unserem Leben in einer vernetzten Welt: Natürlich gibt es irgendwo einen Link, hinter dem sich eine Information verbirgt. Aber oft können wir diese Verbindung aufgrund der Informationsüberflutung und Quer-Vernetzungen nicht mehr nachvollziehen.

Hat keine Sinne: Spricht über die Welt nur mittels „angelesenem“, nicht selbst erlebtem Wissen.

Entspricht auch beim Menschen dem Großteil von Weltwissen, das er sich in einer medial vermittelten Umgebung angeeignet hat.

Zwei unterschiedliche Betrachungsweisen von Gig-/Plattform-Arbeit und den Veränderungen durch Corona:

Pandemic strengthens China’s platforms as infrastructure providers

Die Böll-Stiftung (USA) mit einer Studie zur Plattform-Ökonomie in China. Durch Corona und die Absage von Wochenmärkten sind inzwischen immer mehr Bauern auf die Plattform, die ihre Waren im Livestream anpreisen (und dann auch über Plattformen verschicken). ICYMI: Livestream-Teleshopping ist ein großes Dinge in China. Plattformen sind hier längst ein symbiotisches Verhältnis mit dem Staat eingegangen, der so auch politische Ziele umzusetzen versucht (zum Beispiel Geringverdiener an die Wirtschaft ankoppeln). Bei genauerer Betrachtung stellt sich die These „Künstliche Intelligenz führt wegen der riesigen Planungsfähigkeiten zur Möglichkeit des Kommunismus“ nochmals als überdreht heraus: Es genügt schon, wenn Firmen die Staatsräson ausführen (auch wenn ich nicht weiß, ob man das dann „Kommunismus“ nennt).

The Gig Economy Is Failing. Say Hello to the Hustle Economy.

OneZero dagegen mit einem Blick auf die amerikanische Gig-Economy, die zur Hustle-Economy wird. Warum? Weil durch Corona zum Beispiel Masseurinnen, Köche oder Journalisten stärker Richtung Plattformen wie Patreon wandern. Als Nebenprojekte (Side-Hustle) nach dem Jobverlust oder während ihre Geschäfte geschlossen sind. Der Unterschied zwischen Hustle und Gig, den Autorin Caitlin Dewey beschreibt: Gig-Arbeiter sind austauschbar – irgendjemand fährt immer Uber. Hustle-Arbeiter dagegen haben ein spezifisches, individuelles Angebot. Beide sind aber von Plattform-Vermittlung abhängig. So steht die Frage im Raum: „Is the platform a tool used by the worker — or is the worker a tool used by tech executives?“

 

Dollar blues: why the pandemic is testing confidence in the US currency by Colby SmithColby Smith ([object Object])

„In 2008, an academic study by Mr Frankel and Menzie Chinn, a professor at University of Wisconsin — Madison, predicted that by 2022 the euro would surpass the dollar as the world’s leading reserve currency. At the time, the euro was powering towards its all-time high, peaking close to $1.60 in April of that year to round off an 82 per cent rise against the dollar. In the same period, the dollar index shed 40 per cent of its value, hitting a record low in March that year.“

TikTok: Logs, Logs, Logs by Elliot AldersonElliot Alderson (medium.com)

Der Sicherheitsforscher fs0c131y (Künstlername Elliot Alderson) untersucht gerade, was TikTok wohin schickt. Er konnte dabei auch die zunächst verschlüsselten Datenpakete auswerten. Bislang hat er keine Indizien für mehr als den regulären, bekanntermaßen exzessiven Datenabfluss anderer Sozialmedien-Apps gefunden. To be continued.

Twitter’s algorithm does not seem to silence conservatives by The EconomistThe Economist (economist.com)

Der Economist hat die Entwicklung von Tweets ausgewertet und 2016 als Jahr des Bruchs markiert: Damals führte Twitter eine Startseite mit relevanten, d.h. vor allem reichweitenstarken Tweets ein. Die wurde per Default gegenüber der chronologischen Darstellung priorisiert. De facto hat das Twitter Reichweite und Geschäftsmodell gerettet, virale Tweets gehen jetzt richtig viral, mit Tausenden Retweets und Likes. Das Potenzgesetz bei der Arbeit, quasi. Aber der Preis war eine noch stärkere Emotionalisierung, Zuspitzung und Aufgeregtheit. Also die Gründe, weshalb TWTR weitestgehend unerträglich geworden ist.

Der Oscar-Dokumentarfilmer Errol Morris (siehe: Rumsfeld- und Bannon-Dokus, hier mal vor einiger Zeit erwähnt) hat seine Doku-Serie „First Person“ (2000/2001) auf Youtube hochgeladen. Letztlich sprechen ungewöhnliche Menschen über ihr ungewöhnliches Leben, zum Beispiel Murray Richman (im Vorschaubild), jahrzehntelanger New Yorker Anwalt von Mafia-Mitgliedern und Rappern. Beim Googlen gefunden, dass Robert de Niro die Rechte an Richmans Lebensgeschichte gekauft hat und eine Serie draus machen will.