The I in the Internet

In part out of a desire to preserve what’s worthwhile from the decay that sur­rounds it, I’ve been thinking about five intersecting problems: first, how the internet is built to distend our sense of identity; second, how it encourages us to overvalue our opinions; third, how it maximizes our sense of opposition; fourth, how it cheap­ens our understanding of solidarity; and, finally, how it destroys our sense of scale.

Jia Tolentinos Essay aus dem Februar (Teil einer jüngst erschienenen Sammlung) ist eine strukturierte Erzählung und Meta-Theorie, wie das (kommunizierende) Internet das wurde, was es ist. Von Geocities über Gamergate bis in die Gegenwart.

Ein kluges Stück, auch wegen einer entwaffneten Ratlosigkeit, ob die Frage „Wie wurde das Internet, was es ist?“ überhaupt eine produktive Beschäftigung ist. Ich empfehle es sehr. Gerade wegen dem Zusammenwirken von Beobachtung, Struktur und sprachlicher Klarheit.

The internet reminds us on a daily basis that it is not at all reward­ing to become aware of problems that you have no reasonable hope of solving.

Revenge of the Money Launderers

Matt Taibbi über den FinCen-Skandal im Kontext früherer Geldwäsche-Strafzahlungen. Lehrreich und unterhaltsam, was bei komplexer Finanzskandal-Berichterstattung eher selten ist. Taibbi beschreibt auch noch einmal den wichtigen Unterschied zwischen Regulierung/Compliance auf dem Papier und Regulierung/Compliance in der praktischen Umsetzung:

„Every time compliance officers discover derogatory information that leads to an account being closed, it’s a direct hit to a bank’s revenues. On the other hand, to keep regulators off their backs, banks have to be seen to be doing all they can to sniff out illegalities. Therefore there’s an incentive for banks to cycle through creative ways of looking like they’re engaging in compliance, without actually doing so.

A bank might create sizable AML departments, but pad them with inexperienced, entry-level employees incapable of spotting problems (see here for the HSBC example I wrote about years ago). A firm may hire a top-of-the-line department head, but not give him or her real resources. Required hiring boxes may be checked, but the company may non-report or under-report problems. Companies may even generate huge numbers of suspicious activity reports while leaving key data like names or addresses missing.“

Oracle erhält den Zuschlag zu TikTok. Unter Vorbehalt. Eine Firma, die keine Erfahrung mit Social-Plattformen hat. Die nun ein entkerntes – sprich: ohne den bahnbrechenden Empfehlungsalgorithmus ausgestattetes – Produkt übernimmt. Also letztlich sicherlich ein Jahr braucht, um etwas halbwegs Funktionierendes hinzukriegen. Parallelen zur Murdoch-Übernahme von MySpace lassen sich nicht von der Hand weisen. Facebook freut es, mit Instagram Reels steht die Alternative bereits in den Startlöchern.

How Is a Disaster Made? by Andy Horowitz

Rather than asking if a disaster was man-made, therefore, we ought to ask, how was it made? The answer will have to include nature and human nature: water and wind, concrete and clay, politics and culture, conscious choices and unwilled accidents. Our sense of temporal scale, too, must change, because the timelines of human and environmental history are intertwined.

Job-Monitor: Nachfrage nach Digitalexperten bricht ein by Holger Schmidt

„Die Industrie hatte schon vor Corona das Innovationstempo gedrosselt und in der Krise noch einmal kräftig nachjustiert. Vor allem die Autoindustrie hat Innovationsprojekte wie die Entwicklung autonomer Autos oder Mobilitätsplattformen gestoppt, um sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren. Entsprechend ist der Rückgang der Stellenausschreibungen für Digitalprofis im Autoland Baden-Württemberg mit 43 Prozent deutlich stärker als in anderen Bundesländern ausgefallen. In Nordrhein-Westfalen sank die Nachfrage um 32 Prozent; in Bayern waren es 25 Prozent.“

Zu den Zahlen muss erwähnt werden, dass da ganz verschiedene Digitalberufe vermischt werden, zum Beispiel auch Social-Media-Manager, wo der Rückgang der Ausschreibungen besonders gravierend ist. Aber unter dem Strich verkörpert gerade die Autobranche auf vielen Ebenen das Deutschland des 21. Jahrhundert: Fahren auf Sicht, um die Substanz nicht zu gefährden, von der man in Wahrheit schon lebt.

Siehe auch:
„Das Umfeld hat sich gravierend verändert“

Wirecard and me: Dan McCrum on exposing a criminal enterprise by an authoran author ([object Object])

Longread: Dan McCrum von der Financial Times beschreibt, mit welchen Mitteln Wirecard die journalistische Arbeit behinderte – falsche Spuren, falsche Anschuldigungen, falsche Fälschungsvorwürfe, Avancen mit Bestechungsgeldern. Die Rolle von BaFin und vieler deutscher Wirtschaftsmedien dabei ist bekanntlich kein Ruhmesblatt.

Die kriminelle Energie des/der entsprechenden Wirecard-Verantwortlichen ist natürlich überdurchschnittlich, aber wir sollten uns fragen: Welche Redaktionen werden in fünf Jahren noch das Handwerk und die Kapazitäten haben, solche Recherchen nicht nur durchzuführen, sondern auch die Gegenmaßnahmen abzublocken?

Given my time again, I wouldn’t choose journalism by Sarah DitumSarah Ditum ([object Object])

Es liegt im Wesen des traditionell weitestgehend skelettartigen deutschen Medienjournalismus, dass die Krise hierzulande noch unter der Oberfläche stattfindet. Sichtbar wird sie in der Regel nur in den Pressemitteilungen über Spar-, Fusions- und Strategieänderungspläne, deren „Analyse“ sich bei den diversen „Portalen“ meist auf die Umformulierung von Pressemitteilungen beschränkt. Auf jeden wahrgenommenen Branchen-Exit einzelner Journalisten und Journalistinnen kommen vielfache mehr, die sich geräuschlos vollziehen. Rette sich wer kann (oder muss). Und oft gehen genau diejenigen, die nach vorne blicken und die Branche verändern wollten.

In Großbritannien ist der Zusammenbruch weiter fortgeschritten, die Ehrlichkeit größer. Wie Sarah Ditum mit ihrer Abrechnung. Einiges ist speziell britisch, ich halte die Gründe auch für differenzierter. Und: Journalismus muss nicht so sein, wie sie es beschreibt. Aber ich ziehe ihre ehrliche Enttäuschung dem schweigenden Achselzucken und dem Selbstbetrug vor, mit dem wir bei uns dem Niedergang begegnen.

How Much Things Can Change by Rodney BrooksRodney Brooks

Rodney Brooks mit einer kleinen Denkfigur über wissenschaftliche Erkenntnisse. Genauer: Wie viele der wissenschaftlichen Paradigmen uns „ewig“ vorkommen, in der Realität aber erst während der Lebensspanne gefunden wurden, die von seinen Großeltern bis zu ihm selbst reicht. In den vergangenen 130 Jahren also.

Beueler Extradienst by Martin Böttger u.v.m

Manchmal passiert es noch, dass ich auf interessante politische Blogs stoße. Zum Beispiel jetzt auf Beueler Extradienst, herausgegeben von Martin Böttger, offenbar aus dem Bonner Dunstkreis der Grünen. Genau meine Posting-Länge, Gedanken statt Aufregungs-Köder. Wieso kannte ich das nicht? Kennen das andere? Gibt es vielleicht eine unentdeckte deutsche Politik-Blogosphäre? Ich habe viele Fragen (und habe das Blog in meinen Feedreader gepackt).

Das Dorf, das Virus und die Studie: Die Heinsberg-Story by Stephan Beuting from

Im DLF-Feature „Die Heinsberg-Story“ findet sich eine interessante Doppelstruktur mit dem Thema Narrative: Die Heinsberger beschweren sich über die Vorgehensweise der Bild und anderer Medien, konkret über den Voyeurismus und das Narrativ vom ansteckenden Landkreis. Zugleich beschwert sich der Virologe Hendrick Streeck über die Twitter-Rezeption der „Heinsberg-Studie“ – dort stand ja gleich im Raum, das Ganze sei als trojanisches Pferd für das Konzept Herdenimmunität gedacht.

Die Storymachine-Einschaltung war eine Dummheit, sicher, insofern muss man bei der Bewertung von Streecks Beschwerde auch differenzieren. Aber dass es um einfache Geschichten geht, sich dabei Twitter vom Boulevard auch in seinen Methoden des „Vor-sich-her-Treibens“ nicht wesentlich unterscheidet: Das kommt im Feature gut rüber und erklärt auch, warum Twitter inzwischen so unerträglich ist.