„Wir leben womöglich in einer Welt, in der zwei gegensätzliche Kräfte um ökonomische und politische Kontrolle ringen – der Kapitalismus und der moderne Staat. Beides sind Instrumente, die niemand vollständig kontrollieren kann. Und doch müssen wir uns besonders in Krisenmomenten zwischen den beiden entscheiden. Nicht, weil eine der beiden Kräfte uns täuscht und die andere uns die Realität in aller Ehrlichkeit darlegt: Beide täuschen uns auf ihre eigene Art. Aber beide sind auch auf ihre eigene Art unersetzlich. Es könnte also sein, dass wir vor einer politischen Wahl stehen, die zwischen unterschiedlichen Formen der Täuschung liegt.“

David Runciman: Leviathan (Seite 116, Übersetzung von mir)

L.M. Sacasas:

„Reading is not natural. There is nothing about human physiology that would lead inexorably to the advent of literacy. Yet it happened. This thing that I am doing just now as I type and which you are doing, in turn, just now as you read is almost magical. My thoughts, some small bit of my interior life is transmitted to you in another time and place through an incredibly simple technique of arranging two dozen or so symbols on a page. And most of us who have grown up in a literate society take it utterly for granted.“

Wie wäre es damit: Berlin verrät der bayerischen Dönerbranche, dass Gemüsekebap eine ziemlich gute Idee ist (und schickt ein paar Würzrezepte gen Süden). Im Geiste des kulturellen Austauschs übergibt Bayern im Gegenzug Berlin seine Pfefferbrezen-Rezepte (und schickt vielleicht mal ein paar Bäcker zur Entwicklungshilfe in die Stadt, SOS aus Friedrichshain!).

Das wäre ein absolutes Win-Win-Geschäft. Vor allem für mich natürlich.

(Mein Szenario ist so gut wie eures)

Nein, Twitter wird nicht kaputt gehen.

Nicht, was die Infrastruktur betrifft. Dauerhaft, meine ich.

Und: Die aktuelle Twitter-Nahtod-Erfahrung, ausgelöst von einer Mischung aus Hysterie und Twittertodeswunsch, zeigt eben, warum Twitter eben nicht 1:1 ersetzbar ist. Wer dort kulturelles Kapital hat, wird so lange wie möglich bleiben. Zitat Rob Horning:

„Where else do my opinions have any convertible worth? By unilaterally purchasing the vault in which all this social capital is stored (and the primary means by which it circulates and valorizes itself), Elon Musk has created a kind of hostage crisis, but it’s not entirely clear what he wants or if we can simply post our way out of it, even if everyone is posting about him.“

Was also wird passieren? Elon Musk wird Twitter zu einem OnlyFans für Text und Video umbauen. Nein, ich rede nicht von Sex. Sondern von allgegenwärtigen P2P-Paywalls: Für den blauen Haken und bessere Sichtbarkeit, für Abos von Premium-Inhalten (die auch länger als 280 Zeichen sein dürfen). Jeder Nutzer, jede Nutzerin kann auch selbst Premium werden und sich monetarisieren. Vielleicht wird der Zugang grundsätzlich hinter einer Bezahlschranke verschwinden. Oder ich zahle als Marke/Firma, wenn ich mehr als 10.000 Nutzer habe.

Kulturelles Kapital lässt sich für die gegenwärtige Form von „Twitter-Berühmtheit“ nicht so einfach transferieren. Nur die wenigsten Twitterati werden sich die Mühe machen, Zeit in einen Substack-Newsletter zu investieren. Und für 5000 Mastodon-Follower zu posten ist etwas anderes, als 50.000 Twitter-Follower zu bespielen.

Und auf der anderen Seite gilt: Als seltsamer, aber effektiver und vor allem zentraler Informations- und Kommunikationshub kommt für den textfixierten Teil der Online-Menschheit kaum eine Alternative in Frage. Bislang zumindest nicht.

Musk hat also noch Zerstörungsspielraum. Er wird ihn sicher ausnutzen. Aber ich sehe die Netzwerk-Effekte in der Tiefe halten, nicht sich umkehren.

 

“Wir alle, in unserer Menschlichkeit und unserem gelebten Leben, sind nichts als die Karikaturen unserer Seele. Wir sind immer weniger als wir sind. Wir bleiben immer eine groteske Übersetzung dessen, was wir gerne wären, und dessen was wir tief drinnen und wirklich sind.”

Diese Erkenntnis von Colm Tóibín (aus einem Essay über Fernando Pessoa, dessen ganzes Werk sich in diesen Worten spiegelt) hatte ich neulich schon in meinem Newsletter verwendet. Und ich denke seitdem oft darüber nach – wie viel von unseren Handlungen, unseren Problemen, unseren Selbstzweifeln damit zu tun haben).

Ich habe im Moment keine Zeit, mich näher mit dem Diskurs rund um die Journalismuskritik von Precht & Welzer zu beschäftigen. Aber so einfach wie Nils Minkmar bei Übermedien möchte es mir nicht machen.

Vielleicht mache ich mir mal die Mühe, das länger auszuformulieren, aber nur so viel: Wer behauptet, Konformismus und die Twitterei hätten keinen negativen Einfluss auf den Journalismus, blendet Teile der Realität aus. Ich komme am Ende aber immer beim Ökonomischen an: Wenn sich Journalisten und Journalistinnen auf Narrative verlassen, ist das meiner Meinung nach oft dem schlichten Zeitmangel, was Recherchen oder die schlichte Aneignung von tieferem Fachwissen betrifft, geschuldet. Und der fehlenden Wertschätzung dafür in einigen Redaktionen und bei den Leuten da draußen.

Wohin das gegenwärtige, längst dysfunktionale Produktionsmodell führt, hat Andrey Mir in „Postjournalism and the death of newspapers“ für die USA ausgeführt. Vollständig lässt sich das nicht auf Deutschland übertragen, aber die technischen Voraussetzungen sind natürlich identisch.

Der kleine Nick, Illustration aus dem Kinderbuch
ActuaLitté, Flickr (CC BY-SA 2.0)

Nicht nur Frankreich trauert, auch ich. Denn so genial Goscinnys Geschichten vom kleinen Nick waren, so wenig würden sie ohne die Illustrationen Sempés zur Geltung kommen. Ich habe die Bücher geliebt und mich in meiner Spät-Teenagerzeit sehr gefreut, Sempé in Süßkinds „Geschichte von Herrn Sommer“ wiederzuentdecken.