Heute beginnt in Addis Abeba (und online) das 17. Internet Governance Forum (IGF). Dazu sei diese hilfreiche Analyse von Milton Mueller von der Georgia Tech empfohlen (wo es einen Schwerpunkt-Forschungszweig zu Internet Governance gibt). Die Vereinten Nationen, so lässt sich verkürzt sagen, versuchen das IGF wieder stärker als bislang in den eigenen institutionellen und strategischen Orbit zu ziehen. Weil man in Digitalisierungsfragen wieder in die Vorhand kommen möchte, nachdem man in den meisten Fragen nur die Beobachterrolle hat. Dass das gerade kein guter Zeitpunkt ist, versteht sich von selbst. Denn das Splinternet nimmt immer deutlicher Formen an. Mueller:

„The fine-sounding pronouncements of the UN seem to be designed to maintain the fiction that nation-states can cooperate in the governance of cyberspace when all around us governments are fracturing into competing power blocs“

 

 

Venkatesh Rao ($)

„This fifteen-year old battleground has served its time, and unlike a physical country, is not worth fighting over anymore. It has turned into a theme park of the history of culture wars 2007-15, best understood as a set of entertaining rides, like the new “Vox Populi, Vox Dei” Democracy Rollercoaster, and other coming attractions.“

(Hier mein Mastodon-Profil)

…ist derzeit die Gruppe de_IAmA bei Reddit. „Ask Me Anythings“ waren in der Vergangenheit meistens Phänomene aus der englischsprachigen Welt, aber beim deutschsprachigen Reddit stapeln sie sich inzwischen. Ob Tankstellen-Mitarbeiter, Callboy für (nicht genannte) Promis, Tochter eines Sektenmitglieds oder jemand, der/die vom Hochwasser 2021 betroffen war – irgendwie finden die verschiedensten Milieus ihren Platz.

Meine Reaktionen gehen von „Wie faszinierend!“ über „Habe ich mir nie drüber Gedanken gemacht, aber interessant, dass es so läuft“ bis hin zu „okay, dieser Person ist wirklich nur das Beste zu wünschen angesichts der Situation“.

Allerdings gibt es einen Haken: Nur die wenigsten AMAs sind verifiziert, Beiträge wie „Ich erfinde wöchentlich zwei bis drei AMAs hier, AMA“ verstärken das gesunde Misstrauen noch. Wer aber weiß, wie man mit dieser Unsicherheit umgeht und das alles unter kritischem Vorbehalt liest, dem/der eröffnet sich eine Fundgrube von Einblicken in den deutschen Alltag.

Der Software-Entwickler Peter Clowes, warum er „Twitter 2.0“ nicht mitmachen wollte.

Der ehemalige Twitter-Infrastruktur-Entwickler Dan Luu am 8. November über die technischen Schulden, die Twitter ohnehin schon angehäuft hatte (er glaubt aber trotzdem nicht, dass das negative Auswirkungen auf das Geschäft hat)

Ein langjährige Site-Reliability-Engineer einer großen Plattform argumentiert, dass Twitter zusammenbrechen wird.

Jessica Lessin ($) über die Mitverantwortung der Investoren am FTX-Debakel:

„This seems like an important time to remind everyone that FTX had no board of directors and no audit committee. No board of directors! How do you give a company that much money with literally zero assurances that there is any corporate governance? I ask for more disclosures from companies I angel-invest in. And this comes after Theranos, after WeWork. Remember when Benchmark sent someone to take over WeWork when it wasn’t working? Where was that guy when we needed him?“

Und auch dies hier, aus dem ultimativen Post Mortem bei Milky Eggs, harrt der Antworten:

„FTX is missing about $8 billion dollars‘ worth of users‘ collateral. Even if you consider the sum total of venture investments made by FTX and Alameda together, as well as a marginal drop in collateral value as a result of an FTT price decline, it simply does not make sense for FTX to be $8b in debt. The losses would be significant, yes, but they alone do not constitute a sufficient explanation for FTX’s bankruptcy.“

(Mein Szenario ist so gut wie eures)

Nein, Twitter wird nicht kaputt gehen.

Nicht, was die Infrastruktur betrifft. Dauerhaft, meine ich.

Und: Die aktuelle Twitter-Nahtod-Erfahrung, ausgelöst von einer Mischung aus Hysterie und Twittertodeswunsch, zeigt eben, warum Twitter eben nicht 1:1 ersetzbar ist. Wer dort kulturelles Kapital hat, wird so lange wie möglich bleiben. Zitat Rob Horning:

„Where else do my opinions have any convertible worth? By unilaterally purchasing the vault in which all this social capital is stored (and the primary means by which it circulates and valorizes itself), Elon Musk has created a kind of hostage crisis, but it’s not entirely clear what he wants or if we can simply post our way out of it, even if everyone is posting about him.“

Was also wird passieren? Elon Musk wird Twitter zu einem OnlyFans für Text und Video umbauen. Nein, ich rede nicht von Sex. Sondern von allgegenwärtigen P2P-Paywalls: Für den blauen Haken und bessere Sichtbarkeit, für Abos von Premium-Inhalten (die auch länger als 280 Zeichen sein dürfen). Jeder Nutzer, jede Nutzerin kann auch selbst Premium werden und sich monetarisieren. Vielleicht wird der Zugang grundsätzlich hinter einer Bezahlschranke verschwinden. Oder ich zahle als Marke/Firma, wenn ich mehr als 10.000 Nutzer habe.

Kulturelles Kapital lässt sich für die gegenwärtige Form von „Twitter-Berühmtheit“ nicht so einfach transferieren. Nur die wenigsten Twitterati werden sich die Mühe machen, Zeit in einen Substack-Newsletter zu investieren. Und für 5000 Mastodon-Follower zu posten ist etwas anderes, als 50.000 Twitter-Follower zu bespielen.

Und auf der anderen Seite gilt: Als seltsamer, aber effektiver und vor allem zentraler Informations- und Kommunikationshub kommt für den textfixierten Teil der Online-Menschheit kaum eine Alternative in Frage. Bislang zumindest nicht.

Musk hat also noch Zerstörungsspielraum. Er wird ihn sicher ausnutzen. Aber ich sehe die Netzwerk-Effekte in der Tiefe halten, nicht sich umkehren.

Die WM-Werbespots von Nike und Adidas zu vergleichen, ist auf mehreren Ebenen interessant: Welche Stars wo unter Vertrag sind, welches Fußball-Bild transportiert wird – und in diesem Jahr, wie CGI (Computer Generated Imagery) genutzt wird.

Nike geht dabei in die Vollen, lässt die Stars von heute gegen die gerenderten Ronaldinhos und Edgar Davids in Blütezeit antreten. Das Ganze ist voller CGI und hat auch ganz klar Computerspiel-Ästhetik.

Adidas dagegen spielt das Familienthema, ein eher klassisches, romantisierendes Sport-Bild also (unpolitisch im Kontext Katar sind beide Marken). Aber auch bei Adidas kommt CGI vor: Nämlich als Messi gegen sein früheres Ich Tischkicker spielt.