Friedrich Küppersbusch:

„Wir Medien stürzen uns mit Wollust auf den pittoresken Sud aus Freizeitärzten, Esoterikern, besorgten Demokraten und Rechtsquerulanten. In Umfragen irgendwas unter 10 Prozent. Wogegen die Freunde des „harten Lockdowns“ gern 20, 30 Prozent ausmachen. Beiden gemein ist die Sehnsucht nach Autorität. Zwei Sorten rechts, Karamell und Vanille. Während die Kameras noch hinter der letzten Reichsflagge herschwenken, wird Söder immer beliebter, ruft Hans nach Härte und Kretschmer nach Autorität. Das Land schaut verblüfft an sich herab und staunt: Ach, so rechts kannte ich mich gar nicht.“

Can History Predict The Future?

„Of the three factors driving social violence, Turchin stresses most heavily “elite overproduction”—­the tendency of a society’s ruling classes to grow faster than the number of positions for their members to fill.“

Faszinierendes Stück über Peter Turchin, einen ehemaligen Ökologen, der 2010 die US-internen Konflikte von 2020 recht gut vorhergesagt hat. Der „Überschuss von Eliten“ ist auch in Deutschland erkennbar, oder zumindest ein Überschuss an Akademikern. Sei es an Zeitverträgen, dem akademischen Mittelbau, der Überqualifikation oder der Überalterung von Führungsstrukturen. Und natürlich ruft das Konflikte hervor. Übrigens nehme ich an, dass Ultrarechts und Ultralinks sich schnell darauf einigen könnten, dass wir weniger „Eliten“ bräuchten.

Aber das nur am Rande. Der Artikel ist einer der besten, den ich in der vergangenen Monate gelesen habe. Denn im Kern geht es darum, ob sich Geschichte mathematisch modellieren lässt, wenn sich nur die richtigen Inputs finden. So sagt Turchin:

“All sciences go through this transition to mathematization. When I had my midlife crisis, I was looking for a subject where I could help with this transition to a mathematized science. There was only one left, and that was history.”

Die Mathematisierung der Geschichtswissenschaft und ihre Grenzen, sozusagen. Dazu ist Turchin ein schrulliger Typ. „Some historians regard Turchin the way astronomers regard Nostradamus“, wird ein anderer Historiker zitiert. Sehr spannend und vergnüglich.

Trump is attempting a coup in plain sight

„It’s the construction of a confusing, but immersive, alternative reality in which the election has been stolen from Trump and weak-kneed Republicans are letting the thieves escape. This is, to borrow Hungarian sociologist Bálint Magyar’s framework, “an autocratic attempt.” That’s the stage in the transition toward autocracy in which the would-be autocrat is trying to sever his power from electoral check.

If he’s successful, autocratic breakthrough follows, and then autocratic consolidation occurs. In this case, the would-be autocrat stands little chance of being successful. But he will not entirely fail, either. What Trump is trying to form is something akin to an autocracy-in-exile, an alternative America in which he is the rightful leader, and he — and the public he claims to represent — has been robbed of power by corrupt elites.“

Der Kampf der Weltanschauungen

„Blätter“-Mitherausgeber Micha Brumlik über die Konfrontation der Weltmächte USA/Westen und China – auf philosophischer Ebene:

„Wenn also Philosophie tatsächlich ihre Zeit in Gedanken gefasst ist, so steht die Weltgemeinschaft derzeit vor zwei radikal differenten Universalismen: einem Universalismus der Würde, Anerkennung, Demokratie, der individuellen Freiheit und Gerechtigkeit auf der einen und einem Universalismus der Wohlfahrt, der bloß materiellen Zufriedenheit sowie zwischenstaatlicher Hilfe auf der anderen Seite.“

Bei genauerer Betrachtung ist dieser Konflikt auch längst in den Westen selbst eingebettet.

Enablement: The tortured self-justification of one very powerful Trump-loathing anonymous Republican.

Geständnisse eines anonymen Trump-Ermöglichers. Lesenswert, aber ich will einen Punkt herausgreifen: Die exzessive Nutzung von Aussagen „Unter Zwei“ während der Trump-Ära, um Kritik zu äußern, obwohl man alles mitmacht. „Unter Zwei“ heißt: wörtlich oder sinngemäß zitiert, aber nicht genannt (im Deutschen: „Kreise“). Die Autorin Olivia Nuzzi rechtfertigt sich so:

My own self-serving justification for granting anonymity to Republicans connected to or able to provide insight into this White House is simple: If the choice is between being lied to on the record or told the truth “on background” (the technical term for anonymity), I will choose the truth every time — even though every time I choose the anonymous truth, I make it easier for this system of secrecy to continue. Actually, that’s too generous. It’s more truthful to say I’m part of a system that enables political leaders to have it both ways, to indulge in ugliness and irresponsibility and to distance themselves from their own actions. The press provides the alibi as it prosecutes the case.

Es gibt einige Dinge, auf die wir uns in den Zwanzigern journalistisch regelmäßig einstellen werden müssen: Offensichtlichere Lügen, die oben beschriebene Form von inoffizieller Distanzierung bei aktiver und offizieller Komplizenschaft, dazu die Versuche, über koordinierte Kontaktanbahnungen (zwei Quellen sind immerhin zwei Quellen) Falsches/Ablenkungs-Spin zu verbreiten, wie es in der Konzern-PR bereits recht perfekt praktiziert wird.

Pandemic Fatigue Is Real—And It’s Spreading ($)

Dem Wort „pandemiemüde“ werden wir in den nächsten Wochen und Monaten häufiger begegnen. Wir können natürlich so tun, als würde sich die ganze Pandemie entlang der Pole Verantwortungsbewusstsein vs. Verantwortungslosigkeit und Gemeinwohl vs. Egoismus abspielen. Hilfreicher wäre es, die Komplexität der menschlichen Gefühlswelt nicht nur bei sich selbst wahrzunehmen.

Tod eines Lehrers

Zunehmend muss man sich im Klassenraum AKP-Propaganda erwehren und sieht sich Schülern (alle männlich) gegenüber, die die Größe der türkischen Nation verteidigen, als ob sie sie persönlich beträfe – obwohl sie oft schon in der vierten Generation hier leben! Gleichzeitig geht damit eine Verherrlichung patriarchalischer Lebensformen einher. Ich bemerke im Unterricht etwa zunehmend offen, geradezu herausfordernd vorgetragene Forderungen nach der Entrechtung von Frauen. Die Vorstellung, dass Homosexuelle Rechte hätten, wird geradezu mit Abscheu begegnet.

Lesenswert von Stefan Sasse. Politischer Religionsfundamentalismus ist seit längerer Zeit ein Exportschlager aus Saudi-Arabien und der Türkei. Und wie jeder Versuch, die eigene Identität und politische Ziele aus religiöser (oder: religiös-verbrämter) Unerbittlichkeit abzuleiten (vgl. zum Beispiel die Hardcore-Evangelikalen), ist das gesellschaftlich brandgefährlich.

Das hätte auch in einen Tweet gepasst, aber man muss die Maschine nicht füttern: Dass Twitter jetzt auffällt, dass ihre Anti-Hacking-Klausel zum Beispiel die Wikileaks-Enthüllungen geblockt hätte, ist… tja, typisch für dieses Unternehmen, das sich nie aus der Perspektive „Software-löst-alles“ lösen konnte, ohne eine entsprechende Software zu entwickeln.

Klar: Die Twitter-Probleme sind komplex (Moderation unter Skalen-Bedingungen und auf einem schmalen Grat rund um Meinungsäußerungen). Aber die müssten gar nicht so komplex sein, ich würde Twitter auch so keine Lösung zutrauen, solange Jack Dorsey das Unternehmen führt.