Pandemic Fatigue Is Real—And It’s Spreading ($)

Dem Wort „pandemiemüde“ werden wir in den nächsten Wochen und Monaten häufiger begegnen. Wir können natürlich so tun, als würde sich die ganze Pandemie entlang der Pole Verantwortungsbewusstsein vs. Verantwortungslosigkeit und Gemeinwohl vs. Egoismus abspielen. Hilfreicher wäre es, die Komplexität der menschlichen Gefühlswelt nicht nur bei sich selbst wahrzunehmen.

Tod eines Lehrers

Zunehmend muss man sich im Klassenraum AKP-Propaganda erwehren und sieht sich Schülern (alle männlich) gegenüber, die die Größe der türkischen Nation verteidigen, als ob sie sie persönlich beträfe – obwohl sie oft schon in der vierten Generation hier leben! Gleichzeitig geht damit eine Verherrlichung patriarchalischer Lebensformen einher. Ich bemerke im Unterricht etwa zunehmend offen, geradezu herausfordernd vorgetragene Forderungen nach der Entrechtung von Frauen. Die Vorstellung, dass Homosexuelle Rechte hätten, wird geradezu mit Abscheu begegnet.

Lesenswert von Stefan Sasse. Politischer Religionsfundamentalismus ist seit längerer Zeit ein Exportschlager aus Saudi-Arabien und der Türkei. Und wie jeder Versuch, die eigene Identität und politische Ziele aus religiöser (oder: religiös-verbrämter) Unerbittlichkeit abzuleiten (vgl. zum Beispiel die Hardcore-Evangelikalen), ist das gesellschaftlich brandgefährlich.

Das hätte auch in einen Tweet gepasst, aber man muss die Maschine nicht füttern: Dass Twitter jetzt auffällt, dass ihre Anti-Hacking-Klausel zum Beispiel die Wikileaks-Enthüllungen geblockt hätte, ist… tja, typisch für dieses Unternehmen, das sich nie aus der Perspektive „Software-löst-alles“ lösen konnte, ohne eine entsprechende Software zu entwickeln.

Klar: Die Twitter-Probleme sind komplex (Moderation unter Skalen-Bedingungen und auf einem schmalen Grat rund um Meinungsäußerungen). Aber die müssten gar nicht so komplex sein, ich würde Twitter auch so keine Lösung zutrauen, solange Jack Dorsey das Unternehmen führt.

The I in the Internet

In part out of a desire to preserve what’s worthwhile from the decay that sur­rounds it, I’ve been thinking about five intersecting problems: first, how the internet is built to distend our sense of identity; second, how it encourages us to overvalue our opinions; third, how it maximizes our sense of opposition; fourth, how it cheap­ens our understanding of solidarity; and, finally, how it destroys our sense of scale.

Jia Tolentinos Essay aus dem Februar (Teil einer jüngst erschienenen Sammlung) ist eine strukturierte Erzählung und Meta-Theorie, wie das (kommunizierende) Internet das wurde, was es ist. Von Geocities über Gamergate bis in die Gegenwart.

Ein kluges Stück, auch wegen einer entwaffneten Ratlosigkeit, ob die Frage „Wie wurde das Internet, was es ist?“ überhaupt eine produktive Beschäftigung ist. Ich empfehle es sehr. Gerade wegen dem Zusammenwirken von Beobachtung, Struktur und sprachlicher Klarheit.

The internet reminds us on a daily basis that it is not at all reward­ing to become aware of problems that you have no reasonable hope of solving.

The house party returns

Trotz Wirtschaftskrise steigen in den Industrienationen die Immobilienpreise – in Deutschland zuletzt um 11 Prozent. Allerdings geht der Niedrigzins offenbar im Schnitt nicht mit einer größeren Kredit-Zusage der Banken einher. Ich würde also schlussfolgern, dass es für Normalverdiener schwieriger wird, sich ein Haus zu leisten.

Der Economist hat das Ganze aufgeschrieben. Vor ein paar Jahren noch hätte das Fazit dort gelautet: 1) Vorsicht vor Blasen 2) Wir brauchen mehr Bauland. Heute lautet es: 1) In der Spreizung liegt sozialer Sprengstoff 2) Regierungen müssen den Immobilienmarkt stärker regulieren.

Die Zeiten ändern sich.

Do No Harm ($)

Das, was wir „Content-Moderation“ nennen, ist bekanntermaßen alles andere als perfekt. Niloufar Salehi nennt im neuen Logic-Magazin das Beispiel Rachepornografie: Ein Opfer muss das entsprechende Material hochladen, damit Facebook ein Wasserzeichen für das Blocken erstellt. Die Betroffenen erfahren aber nicht, ob jemand danach versucht, das Video nochmal hochzuladen. Beweise für Gerichtsverfahren erhalten sie ebenfalls in der Regel nicht.

Sie schlägt deshalb einen anderen Weg vor, im Sinne von „Restorative Justice“, also Vergebungsprozessen. „Wer wurde verletzt? Was braucht diese Person? Wer hat Sorge zu tragen, dass diese Bedürfnisse erfüllt werden?“, sind drei Fragen, die eine solche Herangehensweise stellt. Letztlich geht es darum, bei solchen Fällen geschulte Mitarbeiter einzusetzen, die sich mit den Trauma-Dimensionen von Online-Bösartigkeiten auseinandersetzen.

Das funktioniert nicht bei einem Riesen-Netzwerk. Aber ich kann mit theoretisch vorstellen, dass eine solche Betreuung in einigen Jahren zur Zulassungsvoraussetzung gehören könnte, überhaupt Soziale Netzwerke (die dann reguliert viel kleinere Maximalnutzerzahlen hätten) betreiben zu dürfen.

Accidental cover-up

Bei allen Kontroversen über die Löschung von Inhalten gibt es hierüber keinen Zweifel: Gewaltvideos von Terroristen müssen gelöscht werden. Der Economist weist auf eine unbeabsichtigte Nebenwirkung hin: Damit kann auch Beweismaterial über Menschenrechtsverletzungen verschwinden – zum Beispiel aus dem syrischen Bürgerkrieg. Automatisierte Moderation verschlimmert das Problem: Prinzipiell ist es gut, dass Menschen keinen Blick mehr auf Gewalttaten werfen müssen. Aber so verschwindet das Material ungesehen.

Revenge of the Money Launderers

Matt Taibbi über den FinCen-Skandal im Kontext früherer Geldwäsche-Strafzahlungen. Lehrreich und unterhaltsam, was bei komplexer Finanzskandal-Berichterstattung eher selten ist. Taibbi beschreibt auch noch einmal den wichtigen Unterschied zwischen Regulierung/Compliance auf dem Papier und Regulierung/Compliance in der praktischen Umsetzung:

„Every time compliance officers discover derogatory information that leads to an account being closed, it’s a direct hit to a bank’s revenues. On the other hand, to keep regulators off their backs, banks have to be seen to be doing all they can to sniff out illegalities. Therefore there’s an incentive for banks to cycle through creative ways of looking like they’re engaging in compliance, without actually doing so.

A bank might create sizable AML departments, but pad them with inexperienced, entry-level employees incapable of spotting problems (see here for the HSBC example I wrote about years ago). A firm may hire a top-of-the-line department head, but not give him or her real resources. Required hiring boxes may be checked, but the company may non-report or under-report problems. Companies may even generate huge numbers of suspicious activity reports while leaving key data like names or addresses missing.“

Seeing Like an Algorithm von Eugene Wei

Eugene Wei mit einem weiteren TikTok-Essay. Ein bisschen banal erscheinen die Erkenntnisse schon: Wenn „Künstliche Intelligenz“ bedeutet, dass ein Computer sehen lernt, dann folgt TikTok als erstes (?) Netzwerk diesem Prinzip: Design für Datenfütterung, also ein geschlossenes Feedback-Loop, an dem die Software lernen kann. Demnach löst „algorithmen-freundliches Design“ das Prinzip von reibungslosem, „nutzerzentriertem“ Design ab. Damit wird auch die „Followerschaft“ sozialer Netzwerke von einem anderen Paradigma abgelöst: sofware-basierte Interessen.

Dass das banal klingt, heißt nicht, dass es falsch ist. Um seine These zu stützen, muss Wei allerdings herunterspielen, dass Tinder ähnlich funktioniert und die von ihm genannten Verhaltensinformationen auch in Formaten wie Instagram Stories vorhanden sind. Und dass schlicht jedes UX/UI-Design der datenverarbeitenden Industrie an Datenproduktion interessiert sein muss.